Warum die meisten Webprojekte am Briefing scheitern (und was du dagegen tun kannst)
Die meisten Webprojekte scheitern nicht am Können, sondern am Briefing. Hier sind die 7 häufigsten Fehler und wie du sie vermeidest. Aus 19 Jahren Praxis.
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Das ungeschriebene Gesetz aller Webprojekte
Wenn du dich umhörst, hast du wahrscheinlich schon Geschichten gehört wie diese: Ein Unternehmen beauftragt eine Webdesign-Agentur. Das Budget wird erhöht. Der Zeitplan rutscht. Am Ende steht eine Webseite, die irgendwie funktioniert, aber niemanden begeistert. Manchmal gibt es offene Streitfragen. Oft folgt ein zweiter Anlauf bei einer anderen Agentur.
Was viele nicht wissen: Diese Projekte scheitern fast nie am Können der Agentur. Sie scheitern am Anfang. Genauer gesagt am Briefing.
Das Briefing ist der Moment, in dem Auftraggeber und Dienstleister die Grundlage für die Zusammenarbeit legen. Was soll erreicht werden? Was sind die Inhalte? Wer ist verantwortlich? Welcher Zeitrahmen ist realistisch? Wenn diese Fragen zu früh, zu oberflächlich oder gar nicht beantwortet werden, ist das Scheitern programmiert.
In diesem Artikel zeigen wir dir die häufigsten Briefing-Fehler aus 19 Jahren Webprojekt-Praxis und wie du sie vermeidest. Egal ob du dein erstes Projekt planst oder schon mehrere Webseiten beauftragt hast, die folgenden Punkte werden dir Geld, Nerven und Zeit sparen.
Was ein Briefing eigentlich leisten muss
Bevor wir zu den Fehlern kommen, lass uns klären, was ein gutes Briefing überhaupt ist. Ein Briefing ist nicht das Dokument, das du am Anfang an die Agentur schickst. Ein Briefing ist der gemeinsame Verständnis-Aufbau zwischen Auftraggeber und Dienstleister.
Ein gutes Briefing beantwortet vier Kernfragen:
1. Warum machen wir das? Was ist der geschäftliche Grund für das Webprojekt? Mehr Anfragen? Bessere Conversion? Modernerer Markenauftritt? Mitarbeitergewinnung? Ohne klares „Warum" wird jede spätere Designentscheidung diskutabel.
2. Wer sind die Nutzer? Wer soll auf der Webseite landen? Was wollen diese Menschen? Was sind ihre Probleme? Eine Webseite für IT-Entscheider sieht anders aus als eine für Endkunden. Ohne klare Zielgruppe baut die Agentur ins Blaue.
3. Was sind die Erfolgskriterien? Wann ist das Projekt erfolgreich? Mehr Traffic? Mehr Leads? Schnellere Ladezeiten? Bessere Position bei Google? Wenn niemand definiert, was Erfolg bedeutet, kann auch niemand Erfolg liefern.
4. Welche Rahmenbedingungen gelten? Budget, Zeitrahmen, technische Vorgaben, rechtliche Anforderungen, beteiligte Stakeholder. Diese Faktoren prägen jede Entscheidung im Projekt. Wenn sie unklar sind, gibt es ständig Diskussionen.
Wenn diese vier Fragen vor Projektstart sauber beantwortet sind, hast du eine 80%ige Chance, dass dein Webprojekt erfolgreich wird. Werden sie nicht beantwortet, bist du bei den nächsten Fehlern angelangt.
Die 7 häufigsten Briefing-Fehler
Fehler 1: Das Briefing kommt zu spät
Viele Auftraggeber denken: „Ich beschreibe der Agentur, was ich will, und dann legen die los." Diese Logik ist die Hauptursache für gescheiterte Projekte.
Ein gutes Briefing entsteht nicht vor, sondern gemeinsam mit der Agentur. Wer schon weiß, was er will, braucht keine Agentur, sondern einen Umsetzer. Eine echte Agentur hilft dir dabei zu verstehen, was du wirklich brauchst. Das ist oft etwas anderes als das, was du vorher dachtest.
Was du tun solltest: Plane vor Projektstart mindestens 1-2 Wochen für ein gemeinsames Konzept-Briefing ein. Das fühlt sich anfangs nach Zeitverlust an, ist aber die wichtigste Investition im ganzen Projekt.
Fehler 2: Du beschreibst Lösungen statt Probleme
„Wir brauchen eine moderne Webseite mit Animationen, einem Blog, Newsletter-Anmeldung, Mehrsprachigkeit und einem Bereich für Whitepapers."
Das ist kein Briefing. Das ist eine Wunschliste. Und sie sagt nichts darüber aus, was du eigentlich erreichen willst.
Bessere Formulierung: „Wir wollen pro Monat 50 qualifizierte Anfragen statt aktuell 8. Unsere Zielgruppe sind technische Entscheider in mittelständischen Industrieunternehmen. Wir brauchen Wege, wie diese Menschen uns finden, verstehen und zuverlässig kontaktieren."
Daraus ergibt sich vielleicht eine Webseite mit Blog, vielleicht aber auch ein anderes Konzept. Das entscheidet die Strategie, nicht die Wunschliste.
Was du tun solltest: Beschreibe Probleme und Ziele. Lass die Lösung aus der gemeinsamen Konzeptphase entstehen.
Fehler 3: Niemand hat die Entscheidungshoheit
Du hast vielleicht eine Webseite mit deinem Marketing-Team, deinem Geschäftsführer, dem Vertriebsleiter und dem IT-Verantwortlichen abgestimmt. Vier Personen mit vier Meinungen. Drei Designvorschläge. Und plötzlich diskutiert ihr in Woche 4 noch über die Farbe des Buttons.
Das ist der häufigste Grund, warum Webprojekte aus dem Zeitplan laufen. Nicht weil die Agentur langsam ist, sondern weil niemand entscheidet.
Erfolgreiche Projekte haben eine klare Entscheider-Struktur:
Eine Person hat das letzte Wort. Bei strittigen Punkten entscheidet sie.
Feedback wird gebündelt. Die Agentur bekommt nicht 5 verschiedene Meinungen, sondern eine konsolidierte Rückmeldung.
Stakeholder sind früh eingebunden. Wer in Woche 6 plötzlich aufwacht und alles ändern will, macht das Projekt teuer.
Was du tun solltest: Bestimme vor Projektstart einen Projektverantwortlichen auf deiner Seite. Diese Person sammelt internes Feedback und kommuniziert mit der Agentur. Sie hat das Mandat, Entscheidungen zu treffen, ohne jedes Mal die ganze Geschäftsleitung einzubeziehen.
Fehler 4: Inhalte werden unterschätzt
Hier kommt der unbequeme Teil: Texte und Bilder sind der häufigste Grund für Projektverzögerungen. In 80% aller Webprojekte fehlen am Tag des geplanten Go-Lives noch Inhalte.
Das Problem: Auftraggeber denken, sie schreiben die Texte „nebenbei". In der Realität ist gutes Schreiben für eine Webseite eine eigene Disziplin. Und nebenbei klappt es nie.
Drei Optionen:
Option A: Inhalte selbst schreiben. Plane realistisch 4-8 Stunden pro Unterseite ein. Bei 10 Seiten sind das 40-80 Stunden Arbeit, verteilt auf mehrere Wochen. Wenn du das schaffst, super. Wenn nicht, gehe direkt zu Option B oder C.
Option B: Mit der Agentur Texte erarbeiten. Viele Studios bieten Texterstellung an, oft in Zusammenarbeit mit dir per Briefing-Gespräch. Das kostet 50-150 Euro pro Seite, ist aber der schnellste Weg zu guten Texten.
Option C: Externen Texter beauftragen. Wenn du anspruchsvolle Texte brauchst, lohnt sich ein professioneller Texter. Rechne mit 100-300 Euro pro Seite, je nach Komplexität.
Was du tun solltest: Klär die Inhalte-Frage in der ersten Briefing-Phase. Wer schreibt was bis wann? Wer liefert Bilder? Diese Klarheit verhindert 80% aller Projektverzögerungen.
Fehler 5: Das Budget wird nicht ehrlich kommuniziert
Viele Auftraggeber halten ihr Budget zurück, weil sie befürchten, dass die Agentur sonst genau dieses Budget ausreizt. Das Gegenteil ist der Fall.
Ohne Budgetangabe muss die Agentur raten. Sie kalkuliert eine Lösung, die irgendwo passen könnte. Das Ergebnis: Du bekommst entweder einen Vorschlag, der zu teuer ist (und du musst absagen), oder einen, der zu günstig ist (und nicht das leistet, was du brauchst). Beide Seiten haben Zeit verschwendet.
Bessere Logik: Sag dem Anbieter offen, in welchem Rahmen du dich bewegst. „Wir haben ein Budget von 8.000 bis 12.000 Euro. Was können wir dafür realistisch erwarten?" Eine seriöse Agentur antwortet ehrlich. Wenn das Budget nicht ausreicht, sagt sie es. Wenn mehr drin ist, schlägt sie sinnvolle Erweiterungen vor.
Was du tun solltest: Kommuniziere dein Budget transparent. Bestehe im Gegenzug auf einen Festpreis vor Vertragsabschluss. So weißt du, woran du bist.
Fehler 6: Niemand definiert, was nicht zum Projekt gehört
Webprojekte leiden chronisch an „Scope Creep" — der schleichenden Erweiterung des Projektumfangs während der Umsetzung. „Können wir nicht noch eine Buchungsfunktion einbauen?" „Brauchen wir nicht noch eine englische Version?" „Was ist mit einem Mitgliederbereich?"
Jede dieser Erweiterungen klingt vernünftig. Aber jede kostet Zeit und Geld. Wenn niemand vorab definiert, was nicht zum Projekt gehört, wird das ursprüngliche Budget gesprengt.
Was du tun solltest: Klär im Briefing nicht nur, was zum Projekt gehört, sondern auch was bewusst außerhalb des Scopes liegt. Beispiel: „Mehrsprachigkeit ist erstmal nicht Teil des Projekts. Wenn sie später dazukommt, ist das ein eigener Auftrag."
Das fühlt sich anfangs streng an, schützt aber alle Beteiligten vor Frust.
Fehler 7: Erfolg wird nicht gemessen
Drei Monate nach dem Go-Live: Hat sich das Webprojekt gelohnt? In 90% aller Fälle weiß das niemand genau. Es wird gefühlt geantwortet: „Sieht moderner aus" oder „Habe ein paar mehr Anfragen bekommen".
Das ist zu wenig.
Ein gutes Briefing definiert vor Projektstart messbare Erfolgskriterien:
Anzahl Anfragen pro Monat
Conversion-Rate vom Besucher zur Anfrage
Position bei Google für relevante Suchbegriffe
Ladezeit, Core Web Vitals
Verweildauer und Absprungrate
Diese Werte werden vor Projektstart gemessen und 3, 6, 12 Monate nach Go-Live verglichen.
Was du tun solltest: Bestehe darauf, dass Erfolgskriterien Teil des Briefings sind. Eine Agentur, die das nicht will oder nicht kann, ist meistens nicht die richtige.
Die Briefing-Checkliste für dein nächstes Webprojekt
Damit du diese Erkenntnisse direkt anwenden kannst, hier eine kompakte Checkliste. Bevor du mit einer Agentur einen Vertrag unterschreibst, solltest du folgende Punkte geklärt haben:
Strategie:
Geschäftlicher Grund für das Webprojekt definiert
Zielgruppe klar beschrieben
Erfolgskriterien festgelegt
Aktuelle Performance-Werte als Ausgangspunkt dokumentiert
Organisation:
Projektverantwortlicher auf Auftraggeberseite bestimmt
Entscheidungs- und Freigabeprozess definiert
Stakeholder informiert und eingebunden
Realistischer Zeitrahmen für Feedback eingeplant
Inhalte:
Verantwortung für Texte geklärt (selbst, Agentur, externer Texter)
Verantwortung für Bilder und Videos geklärt
Liefertermine für Inhalte vereinbart
Zugang zu bestehenden Markenmaterialien sichergestellt
Vertragliches:
Festpreis vor Vertragsabschluss vereinbart
Scope (was gehört dazu, was nicht) schriftlich fixiert
Eigentumsfragen geklärt (Code, Design, Zugänge)
Wartung und Betreuung nach Go-Live geregelt
Wenn du diese Liste durchgehst und alle Punkte abhaken kannst, hast du eine deutlich höhere Erfolgschance als die meisten Webprojekte.
Was eine gute Agentur in dieser Phase macht
Eine seriöse Agentur drängt auf ein gutes Briefing. Sie wird dich nicht einfach übernehmen, sondern Fragen stellen. Sie wird dir manchmal widersprechen. Sie wird Lösungen vorschlagen, die du nicht erwartet hast.
Das ist kein Zeichen schwacher Beratung, sondern guter. Eine Agentur, die alles abnickt und sofort loslegt, ist meistens nicht diejenige, die dein Projekt zum Erfolg führt. Sie ist diejenige, die deinen Auftrag schnell abarbeitet, ohne ihn wirklich zu verstehen.
Bei seriösen Studios dauert die Briefing-Phase 1-2 Wochen und endet mit einem klaren Konzept, das beide Seiten unterschreiben. Erst dann beginnt die eigentliche Umsetzung. Das fühlt sich anfangs langsam an, ist aber der schnellste Weg zu einem erfolgreichen Projekt.
Fazit: Das Briefing ist die wichtigste Phase
Wenn du nur eine Sache aus diesem Artikel mitnehmen willst, dann diese: Investiere mehr Zeit in das Briefing als du intuitiv für richtig hältst. Was du in der ersten Projektphase versäumst, kostet dich in den späteren Phasen das Zehnfache.
Erfolgreiche Webprojekte erkennt man nicht am hektischen Start, sondern am ruhigen, gründlichen Anfang. Wer sich Zeit nimmt, klare Ziele zu definieren, die richtigen Verantwortlichen einzubinden und realistische Rahmenbedingungen zu setzen, hat den schwierigsten Teil schon hinter sich.
Der Rest ist Handwerk. Und das richtige Studio dafür findet sich, wenn die Grundlage stimmt.
Hast du ein Webprojekt im Kopf?
Wir nehmen uns Zeit für die Briefing-Phase. In einem 30-minütigen Erstgespräch klären wir mit dir, was du wirklich brauchst, definieren erste Ziele und schlagen einen sinnvollen Projektrahmen vor. Kein Pitch, kein Verkaufsdruck, keine versteckten Kosten.
Über den Autor: Marschfahrt Studio ist ein Webdesign-Studio aus Köln. Seit 2019 begleiten wir Unternehmen bei Webprojekten, die mehr leisten sollen als nur gut aussehen. Unser Team bringt zusammen über 40 Jahre Erfahrung im Webdesign und Marketing mit.
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